Die Banane im Labor
Wenn eine Frucht auf europäisches Chemikalienrecht trifft
Wer in der Kosmetikentwicklung auf rein natürliche Inhaltsstoffe setzt, möchte der Natur so nah wie möglich kommen. Doch im europäischen Chemikalienrecht verwandelt sich Mutter Natur recht schnell in ein bürokratisches Monster. Ein perfektes Beispiel für die tägliche Absurdität im Labor ist die REACH-Verordnung im Zusammenspiel mit ganz alltäglichen Lebensmitteln.
Die registrierungspflichtige Frucht
Das europäische Chemikalienrecht unterscheidet nicht zwischen einer künstlichen Chemikalie aus dem Reagenzglas und einem Naturprodukt. Sobald ein Stoff chemisch verändert oder extrahiert wird, gilt er rechtlich als chemischer Stoff.
Nehmen wir das Beispiel einer ganz normalen Banane: Würde ein Entwickler die Banane im Labor pürieren, den Extrakt filtern und diesen als pflegenden, feuchtigkeitsspendenden Inhaltsstoff in eine neue Creme einarbeiten, greift die volle Härte des Gesetzes. Ab einer Menge von einer Tonne pro Jahr müsste dieser reine Bananenextrakt aufwendig als chemischer Stoff registriert werden – inklusive teurer Labortests an den Inhaltsstoffen, um die Unbedenklichkeit zu beweisen.
Die paradoxe Ausnahme der Natur
Die eigentliche Absurdität liegt jedoch in den Ausnahmeregelungen. Die REACH-Verordnung befreit bestimmte Naturstoffe von der Registrierungspflicht, wenn sie „nicht chemisch verändert“ wurden. Doch die Definition von „chemisch verändert“ treibt Formulierer regelmäßig in den Wahnsinn:
- Presst man ein Pflanzenöl kalt aus einer Nuss, ist es oft befreit.
- Extrahiert man denselben Wirkstoff mit Hilfe von Alkohol oder einem modernen, umweltfreundlichen Lösungsmittel, gilt er plötzlich als „chemisch verändert“ und verliert das Privileg.
Das führt zu der skurrilen Situation, dass ein und derselbe rein biologische Naturstoff – je nachdem, wie er aus der Pflanze gelöst wurde – im Sicherheitsdatenblatt entweder als harmloses Naturprodukt oder als genehmigungspflichtige Chemikalie deklariert werden muss. Für B2B-Unternehmen bedeutet das: Selbst wer reine Natur verkaufen will, muss erst einmal wie ein klassischer Chemiekonzern denken.